Rezensionen

Max Nettlau - der Heredot des Anarchismus

"Nettlau wird oft als der Herodot des Anarchismus bezeichnet, aber er war eher dessen Thukydides. Sein Lebenswerk beruht auf der umfassenden Sammlung und dem gründlichen Studium von Druck- und Manuskriptmaterial, aber auch auf persönlichen Bekanntschaften und ausführlichen Interviews mit fast allen Repräsentanten der Bewegung."

Nicolas Walter
, Autor von "Betrifft: Anarchismus"


Der ‚Vorfrühling‘ ist eine wahre Schatzkammer . . .

Die von dem Österreicher Max Nettlau (1865-1944) verfasste „Geschichte der Anarchie“, deren erster Band – Vorfrühling der Anarchie hier erstmals in einer kritisch-editierten Neuauflage vorliegt, gilt unbestritten als das wichtigste und umfassendste Werk über die Ideengeschichte des klassischen Anarchismus. Nettlau spannt den Bogen von der griechischen Antike, über die Aufklärungsepoche bis 1864. Als Grund für diesen historischen Cut gibt Max Nettlau die in diesem Jahr beginnenden neuen Entwicklungen an. „Diese Übersicht der älteren Anarchie mag mit dem Jahr 1864 enden, in welchem Bakunins internationale revolutionäre Gesellschaft und die am 29. September gegründete Internationale ihr Werk beginnen.“ (302). Sein Freund und Biograph Rudolf Rocker, der ihn auch bezeichnete ihn diesbezüglich als „Herodot des Anarchismus“ (Rocker, Nettlau, 16). Er lobte jenen ersten Band mit den Worten: „Der ‚Vorfrühling‘ ist eine wahre Schatzkammer wertvollster historischer Materialien, die überall durch genaue Angabe der Quelle belegt werden.“ (Rocker, Nettlau, 61).

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 Alles was Uniformität heißt, ist unseren Forderungen fremd!“
Max Nettlau und die Weite des Denkens

Von Markus Henning (espero - libertäre zeitschrift, Nr. 1, Juli 2020)

In sozial deprimierten Milieus steht die Freiheit nicht an erster Stelle. Drängende Not kann zum Umsturz führen, kann zerstören und dadurch Räume öffnen. Aber ein emanzipatorischer Neuaufbau braucht mehr. Er braucht Selbstbewusstsein, individuelle Tatkraft und kooperativen Geist, er braucht eine Atmosphäre von Liberalität und gutem Willen, er braucht bereits funktionierende Ansätze von Selbstverwaltung und gegenseitiger Hilfe. Fehlt eine gelebte Kultur der Anarchie, bleibt das Aufbegehren ohne konstruktive Kraft. Neue Autoritäten ernten die Früchte. Herrschaft setzt sich wieder fest.

Das ist die Empirie neuzeitlicher Revolutionsversuche. Max Nettlau (1865-1944), der Historiker freiheitlich sozialer Strömungen, nahm diese Empirie ernst. Genau deswegen hat er uns auch heute noch viel zu sagen.

Eine Werkausgabe von Nettlaus „Geschichte der Anarchie“ unternimmt jetzt der Potsdamer Libertad Verlag. Angelegt ist sie als multimediales Projekt, das kollektive Teilhabe und fortführenden Diskurs ermöglichen soll. Start war im Dezember 2019 die gedruckte Buchausgabe von „Band I: Der Vorfrühling der Anarchie. Ihre historische Entwicklung von den Anfängen bis zum Jahre 1864“.

Ein bibliophiles Kleinod und weit mehr als die bloße Neuauflage eines Textes von 1925. Das ist dem Herausgeber Jochen Schmück zu danken. Seine programmatische Einleitung (S. 19-70) verlässt die Gleise historisierender Lesart. Aus dem biographischen, ideen- und bewegungsgeschichtlichen Kontext heraus lässt er Nettlaus Positionen eigenständig hervortreten. Er betrachtet sie von allen Seiten, diskutiert sie kritisch, prüft ihre Tragfähigkeit und öffnet auch uns die Augen für ihre aktuellen Gehalte.

Max Nettlau hätte seine Freude daran: Zukunftsorientiert mit dem eigenen Erbe umgehen! Genau das hatte er der anarchistischen Bewegung immer wieder ins Stammbuch geschrieben.

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Herodot und Herakles oder: Warum unsere eigene Geschichte wichtig ist