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Geschichte der Anarchie - Band 1, Seite 077

 

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Bibel oder der griechischen oder anderen Mythologien betrachten, immer sind es Kämpfe gegen die Autorität, in denen diese noch siegt, ihre Bekämpfer aber nicht mehr vergessen werden, so sehr die Priester und die höfischen Sänger ihre Rolle entstellen. Die aus dem Himmel geschleuderten Teufel, mit Satan, Bakunins Lieblingsfigur der Bibel, und Lucifer, dem Lichtbringer, oder die aus dem Olymp geschleuderten Titanenstürmer, die aus dem Paradies vertriebenen und von Jehova verfluchten Menschen, die vom Baum der Erkenntnis gegessen, oder der von Zeus gemarterte Prometheus, der das göttliche Monopol des Feuers gebrochen und den Menschen das Feuer gebracht hatte, – all das sind Rebellen durch und durch, und unbekannte soziale Freiheitskämpfe der Vorzeit fanden in ihnen einen geschickten, noch heute andauernden Niederschlag.

Machen wir eine Gegenprobe: wer hat für Autorität gekämpft, und was wurde aus solchen im Lauf der Geschichte? Tyrannen, die oft einen Tyrannenmörder fanden, besser bekannt als sie selbst, Könige, Päpste, Staatsmänner, Feldherren, deren Andenken man verabscheut, während ihre Opfer geehrt werden. Doch mögen diese Bemerkungen genügen, zu zeigen, daß Unzählige der Freiheit entgegentasteten, wie gering auch die uns überlieferte Zahl der direkt antistaatliche und anarchistische Ideen vertretenden Männer früherer Jahrhunderte sein mag, wobei noch auf die kleine Menge wirklicher Studien auf diesem Gebiet hingewiesen werden muß.

Man würde einen volleren Einblick nur durch intensive Einzelstudien gewinnen. Auf solchem Studium beruhen die Werke von P. Kropotkin, Mutual Aid (London; Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, übersetzt von G. Landauer, Leipzig); Etika (Moskau, 1922; Ethik, 1. Band, Berlin 1923: die ersten Kapitel); La Science moderne et l’Anarchie (Paris, 1913; deutsch, Berlin, 1925), darin auch: Die historische Rolle des Staates (1896–1897): Élisée Reclus, L’Homme et la Terre (1905–1908, 6 Bände: Der Mensch und die Erde); Gustav Landauer. Die Revolution (Frankfurt, 1907). Ferner Élie Reclus, Les Primitifs (Paris, 1903; Die Ureinwohner, Studien aus der vergleichenden Ethnologie) usw.1 {9]


1__ Ohne diese Werke, in denen die anarchistische Auffassung zum Ausdruck kommt, als fehlerlos hinstellen zu wollen, sei jedenfalls vor marxistischen Schriften über Urgeschichte als Richtschnur gewarnt. Die aus relativ modernen Vorgängen abstrahierte materialistische Geschichtsauffassung kann so gut wie unbekannte Zeiten, deren geistige und materielle Faktoren uns nur zu geringen Teilen bekannt sind, nicht aufhellen. Eine freiheitliche Philosophie de la Préhistoire (Philosophie der Vorgeschichte) von Gérard de Lacaze-Duthiers ist dem Erscheinen nahe. Paul Gille, Esquisse d‘une Philosophie de la Dignité humaine (Versuch einer Philosophie der Menschenwürde), Paris, Alcan, 1924, 146 S., führt in die Kritik der materialistischen Geschichtsauffassung ein.

 

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