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Geschichte der Anarchie - Band 1, Seite 076

 

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auf sozialem Gebiet usw. Hier müßte die Geschichte des freien Gedankens, die jeder einzelnen Wissenschaft, die vieler Institutionen, Gebräuche und Denkweisen, die mancher internationalen Einrichtungen, die der Literatur und Kunst aller Völker, ihres Volkslebens, auch die Geschichte der politischen und sozialen Kämpfe, Bewegungen, Organisationsversuche usw. im einzelnen durchforscht werden. Wie selten auch volles Verständnis für die politische und soziale Freiheit ist, so zahllos und selbstverständlich sind die ehrlichsten und opferreichsten Bemühungen für die Beseitigung der Autorität auf einzelnen Gebieten. Wer ist nun der heutige Vertreter dieser ungeheuren Kämpfe gegen zahllose Einzelformen der Autorität? Gewiß nicht der mattherzige Liberale von heute, dem vor der vollen Freiheit bange ist, ebensowenig aber der autoritäre Sozialist, der die volle Freiheit geringschätzt oder haßt. Nur der Anarchist steht in der graden Linie dieser Entwicklung zur Freiheit hin, deren ältere Vertreter natürlich nur einen kleinen Teil des großen Weges übersehen konnten, dessen weiteren Verlauf und Ende ja auch wir nicht kennen.

Natürlich ist diese Geschichte eine sehr getrübte, an Irrwegen und Rückschlägen reiche. Da die Wissenschaft sich der allgemeinen Entwicklung zur Verfügung stellt, so bemächtigte sich auch die Autorität ihrer Resultate und befestigte ihren Zwingbau durch dieselben; selbst die Religionen modernisierten sich und jedes noch so reaktionäre System suchte sich gewisse Fortschritte einzugliedern und gewann auch einzelne Personen für sich: so entstand die „offizielle“ Wissenschaft, welche die wirkliche Wissenschaft immer von neuem über den Haufen rennen muß. Ferner sind unsere Quellen unendlich mangelhaft und einseitig. Ist doch z. B., von einigen vorderasiatischen und ägyptischen Quellen abgesehen, alles über den alteuropäischen Kulturkreis Bekannte den Notizen hochmütiger Griechen und Römer entnommen, für die alle übrigen Europäer „Barbaren“ waren, ausgenommen unentwirrbare Reste in der Mythologie, den Heldenliedern und der Folklore einiger weniger europäischer Völker! In noch höherem Grade wurden Freidenker, Rebellen, Volksaufstände von den Chronisten unbeachtet gelassen oder flüchtig und in meist ganz entstellter Form erwähnt. Die sozialistische, in gewissem Sinn auch anarchistische Literatur des Altertums ist mit Ausnahme von Platon und den antikommunistischen Komödien von Aristophanes, was Einzelwerke betrifft, verschwunden, so sehr all diese Ideen nach fragmentarischen Angaben ihr eigenes Leben führten, von Lykurg bis zu den Gracchen, Catilina und Spartakus, mit ihrer Erneuerung im Urchristentum.

Blicken wir aber erst auf das von der Ethnographie aller Kontinente gesammelte Material, so begegnen wir den vielfältigsten Formen politischen und sozialen Lebens, wir sehen die ungeheuren Martern, die {8] durch Autorität jeder Art den Völkern auferlegt wurden, aber auch Spuren des unaufhörlichen Kampfes gegen dieselbe. Wir können schließlich ermessen, wie gering unser Wissen über die zahllosen Jahre schriftloser Vorzeit ist, deren Vorgänge übrigens zu ihrer Zeit selbst nach wenigen Generationen vergessen wurden, falls sie nicht in Mythologie oder Sage übergingen. Ob wir nun aber Reflexe alter Freiheitskämpfe in der

 

 

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