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Geschichte der Anarchie - Band 1, Seite 075

 

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Knechter und Verächter wurde. Daher konnte die Masse Freiheit und Wissen, die ihr nur als Herrschaft und geistiges Privileg entgegentraten, nicht kennen und nicht würdigen, und ihre einzigen Waffen blieben ihr ungeschriebenes Zusammengehörigkeitsgefühl, ein dumpfer Groll und eine tatsächliche Unversöhnlichkeit, die seit undenklichen Zeiten auf ihre Stunde wartet. Viel Freiheitsgefühl ging bei dieser Hilflosigkeit der Masse, die sich von der Urzeit bis heute stets zu jedem Mord entschlossenen Feinden gegenüber befindet, durch Nichtgebrauch oder Abstumpfung verloren, viel betätigte sich im Privatleben, schuf Familien und Gruppen frei und human lebender Menschen, denen im Lauf der Zeit die trotz allem zahlreichen Personen entsprangen, die auf ihre Art das möglichste für die Freiheit getan haben und noch bereit sind, dies zu tun.

Hierzu gehören seit den ältesten Zeiten diejenigen, die ihre geistige Überlegenheit nicht zur Herrschaft und Ausbeutung verwendeten, wie die politischen Führer und die Priesterkaste, sondern die sie unbekümmert der Menschheit zur Verfügung stellten, – Erfinder und Gelehrte. Mit ihnen und mit der Verbreitung ihrer Kenntnisse durch Unterricht beginnt die erste Befreiungstätigkeit der Menschheit.

Diese Tätigkeit war unendlich langsam, da ja dieselben Massen, die befreit werden sollten, gleichzeitig von der Wiege an zur arbeitswilligen Knechtschaft sich mußten zurechtkneten lassen, so daß ein bißchen freies Herumlaufen als Kind noch heute für viele ihre einzige Erinnerung an ein Stückchen Freiheit ist. Daher fühlten sie auch den täglichen sozialen Druck schwerer als den geistigen Druck und empörten sich früher im Namen der sozialen Gerechtigkeit als im Namen der persönlichen und sozialen Freiheit So ward es den autoritären sozialistischen Richtungen leicht, große Massen zusammenzuraffen, aber dadurch wurde nur bewiesen, wie sehr sie in ihrer Auffassung des Sozialismus an der Oberfläche haften. Es ist für die nicht aufgeklärten Massen das nächstliegende, nach etwas sozialer Gerechtigkeit zu greifen, aber es ist für Sozialisten vorschnell, diesen unvollständigen Zustand zum System zu erheben, und es ist gewissenlos und antirevolutionär von ihnen, die freiheitlichen Richtungen des Sozialismus, die doch allein einen vollständigen und natürlichen Sozialismus vertreten, zu bekämpfen, statt sich zu freuen, daß die von ihrer Propaganda flüchtig Angeregten in jenen Richtungen ihre Ideen zu vertiefen Gelegenheit erhalten. So kam es, daß heute der autoritäre Sozialismus zu den Mächten der Vergangenheit und nicht zu den Entwicklungsfaktoren der Zukunft gezählt werden muß, und daß man wohl sagen kann, daß wie in der Urzeit der gewalttätige Stammeshäuptling und der Priester sich als erste der Freiheit entgegenstellten, der sozialistische Diktator und der Marx-Priester in einer vielleicht nahen Zukunft die letzten sein mögen, die dies tun. {7]

Wir sehen trotz der Verschärfung der Autorität in unserer traurigen Zeit, wie sehr sich dieselbe im Lauf der Geschichte, deren erste Phasen wir ja nicht kennen, abgeschwächt hat, allerdings nicht auf politischem Gebiet, auf dem der Stimmzettel von heute genau so autoritär ist wie einst das Brennusschwert, aber auf geistigem und moralischem Gebiet, in Religion, Wissenschaft, dem Privatleben vielfach

 

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